Trauer

In der vergangenen Woche habe ich einen Kondolenzbesuch gemacht. Das Trauerhaus liegt in einer der engen Gassen zwischen den Prachtalleen. Typische Wohneinheiten der Vietnamesen aus der Kolonialzeit. Aneindander gereihte, einstoeckige, schmale Haeuser wie Schachteln, die man von der Gasse her betritt.
Im Vorraum ziehe ich die Schuhe aus, dann betrete ich das Wohnzimmer, jetzt das Trauerzimmer, in dem der Sarg aufgebahrt ist. Der Vater des Verstorbenen begruesst mich. Er bedankt sich fuer meinen Besuch, fuer meinen schon vorgestern ueberreichten Kondolenzbrief und die Gruesse meiner Famlie.
Ein trauriger Vater erklaert mir das Ritual nach Buddhistischer Sitte. Ich bekomme zwei Raeucherstaebchen. Eines steckte ich in eine Schale vor einem kleinen Familienaltar fuer die Ahnen, in der schon andere Staebchen rauchen. Das andere Staebchen stecke ich in den Behaelter vor dem Foto des verstorbenen Sohnes, mit der Andeutung einer Verbeugung und einem Gebet. Der Vater des Verstorbenen, stellt mich dann die Mutter seine Sohnes vor. Seine Ex-Frau. Auch sie blickt sehr traurig drein, hat verweinte Augen. In den Gesichtern lese ich die gleiche Trauer, die wir auch kennen, wenn ein Kind gestorben ist. Die Gefuehle sind mir nicht fremd.
Ungewohnt ist die Dekoration des Raumes: Viele grosse Kraenze (etwa ein Meter im Durchmesser) aus leuchtend frischen Blumen. Sie lehnen auf staffelei-aehnlichen Gestellen. Die blau-weissen Orchideenblueten fallen mir besonders auf. Der Raum ist liebevoll dekoriert, helle Farben bestimmen die Atmosphaere. Keine puritanische Strenge, ich empfinde keine falsche Pietaet. Blumen, Transparente, bunte Fahnen, Figuren, Schalen mit Raecherstaebchen: jedes Versatzstueck hat sicherlich eine Bedeutung, die ich nicht kenne. (Ich bin als trauernder Gast im Raum, nicht als neugieriger Fremder.)
Draussen vor der Tuer, entlang der schmalen Gasse, sind Tische und Hocker aufgestellt. Drei Musiker spielen auf ihren Instrumenten Klagelieder. Das Blasintrument (eine orientalische Oboe oder Klarinette mit dem Schilfrohrplaettchen als Mundstueck) wird von zweiTrommeln rhytmisch begeleitet. Die Stuecke sind kurz, werden aber nach einer Pause wiederholt. In diesen Pausen koennen wir reden.
Zu der Todesursache des 22-Jaehrigen werde ich mich noch erkundigen. Er soll in den letzten fuenf Jahren schon zehnmal im Krankenhaus "operiert"worden sein. Waehrend des letzten Krankenhausaufenthalts sei die Blutung nicht mehr zu stoppen gewesen. Was das mit der Vergiftung durch AgentOrange zu tun hat, will ich wissen. Mehr als 30.000 Menschen leiden in Vietnam heute noch unter den Spaetfolgen, obwohl sie selbst bei der Spruehaktion der US-Militaers nocht nicht gelebt haben. Eine statistische Menge. Hier ploetzlich hat eines dieser Opfer fuer mich ein Gesicht, eine Familie. Anonyme Opferzahlen, die vor Gerichten in den USA immer wieder geleugnet werden, wenn es um Reparationen geht.
Als Urlauber waere mir diese Erfahrung sicherlich erspart geblieben. Aber gerade deswegen reise ich nicht als Tourist; ich will wissen was geschieht.
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