Reis Reise

Hinter Reis-Reise versteckt sich ein Globetrotter. Für Verwandte, Freunde und Kollegen ist das kein Pseudonym, eher ein Hinweis auf seine neuerlichen Eskapaden in den Reisanbaugebieten. Der Autor legt keinen Wert darauf, mit seinem Tagebuch auf den Hitlisten der Suchmaschinen zu erscheinen. {;-)

Mittwoch, März 08, 2006

Schuhe



Neue Schuhe. Die 3-Wochen alten habe ich zurueck gebracht. Reibungsloser Umtausch.
Mit der Schuhindustrie in diesem Land habe ich nun eine ganz persoenliche Erfahrung.

Die Frauengewerkschaft hat rechtzeitig zum Internationalen Frauentag (8. Maerz) einen herzergreifenden Brief an den zustaendigen EU-Kommissar Mandelson geschrieben. Er moege doch bedenken, dass die geplanten Strafzoelle auf Lederschuhe viele Frauen und Kinder in Vietnam brotlos machen werde.

Dieser Strafzoll, so weiter im Text, werde wahrscheinlich die Arbeitgeber in der Schuhindustrie veranlassen, ihre Produktion ins benachbarte Ausland (welches wird nicht genannt) verlagern. 265 Millionen Paar Schuhe wurden 2005 in die EU exportiert.

Ruehrend dieser Appell der 500.000 Frauen in der Schuhindustrie-Gewerkschaft, dem der Unternehmerverband nicht widerspricht.

50 US$ Lohn

Es stimmt. Es gibt Laender in der Region, in denen koennte man mit noch billigeren Arbeitskraeften produzieren. Die Frauen bekommen hier weniger als 50 US$ im Monat. Sie werden in den laendlichen Gebieten, den abgelegenen Bergdoerfern, angeworben und wohnen in kasernen-aehnlichen Unterkuenften, fuer die sie auch noch extra bezahlen muessen.

Ueber den viel zu niedrigen Lohn steht kein Wort in dem Brief. Auch nichts darueber, dass eine Frau von einem solchen Einkommen ueberhaupt kein Kind ernaehren koennte.

Die „industrielle Reservearmee“ der Schuhfabrikarbeiterinnen (hier werden so manche Begriffe aus der ideologischen Mottenkiste richtig griffig) besteht hauptsaechlich aus ledigen Frauen, Maedchen vom Lande, die keine Maenner geschweige denn Kinder haben.

In der gleichen Zeitung steht eine andere Meldung aus der Schuhindustrie:
Die Firma ALSIMEX hat in den ersten beiden Monaten des Jahres 2006 etwa 600.000 Leinen-Stoff-Schuhe in die EU exportiert. Das sind 20% mehr als im vergleichbaren Zeitraum vor einem Jahr.
Saigon Times Daily (7.3.2006)

Meine neuen Schuhe

Vor drei Wochen habe ich mir ein paar Sportschuhe gekauft. Ich wollte in den Bergen wandern. Mit Sandalen geht das so schlecht. Also habe ich gedacht, hier kaufe ich die Treter billiger als in Deutschland. Mit 25 Euro war ich dabei. Meine Frage an die Verkauferin, warum die hier nicht billiger sind als in Deutschland, beantworte sie mit einem Blick auf das eingenaehte Logo - LEVIS. „It's a brand.“

Gestern bringe ich die selben Schuhe zurueck. Im nachgemachten Oberleder (Kunstleder) zeigen sich Risse. Das Material sieht aus wie eine Pellkartoffel. Schlechte Qualitaet, meinen auch meine Kollegen.
Ich darf mir ein paar andere Schuhe in der gleichen Preisklasse aussuchen. Reibungslos, nachdem die Verkaeuferin mit ihrem Boss gesprochen hat.

LEVIS made in Vietnam. Ich glaube es nicht. Die Schuhe, die hier in den Sonderwirtschaftszonen hergestellt werden, gehen ausschliesslich in den Export. Deshalb sind Marken wie adidas, Puma, Nike hier nicht billiger, oder hoechstens ein bisschen, weil die Ladenmiete und die Gehaelter des Verkaufspersonals niedriger sind.

Wie aber kommt LEVIS auf den hiesigen Markt? Eine Recherche ist nicht einfach. Da wuerden Spuren aufgedeckt, die keiner beschreiben will.
Ausschussware? Informeller, grenzueberschreitender Handel mit China? Re-importe?

Ich habe meine Lektion gelernt. Hier wird nichts verschenkt. Schon gar nicht an Touristen, die ja nie reklamieren kommen. Die freundliche, unkomplizierte Art des Umtausches (mit einem Augenzwinkern) hat mich wieder versoehnt.

Deutschlands und Oesterreichs Schuhhandel

Bei meinem naechsten Schuhkauf in Deutschland, wenn ich mal wieder bei Ketten wie Strauss Inovation oder Tchibo oder You Name It, preiswerte Schueh fuer 15 bis 25 Euro im Angebot sehe, dann troestet es mich, dass diese Treter auch am Ort der Herstellung nicht billiger sind.

Ueber die Arbeitsbedingungen der Frauen hatte ich bislang nicht nachgedacht. Aber auch in Deutschland und Oesterreich gibt es Verbaende, die die geplanten Schutzzoelle der EU ablehnen und eine Aussetzung von der EU-Kommussion, von Peter Mandelson, verlangen. Wer sagt das? Der jeweilige Verband des Schuh-Einzelhandels.
Bei diesen niegrigen Preisen gibt es offenbar immer noch eine ausreichende Gewinnspanne.

Pirmasenser Zeitung: EU-Zölle verteuern Schuhe