Fleiß
Wie sind die Vietnamesen? Eine der häufig gestellten Fragen hier in Berlin nach meiner Rückkehr. Und gleich kommt die Bemerkung, dass die Unternehmen nur mit Niedrigstlöhnen und Dumpingpreisen unseren Schuh- und Textilmarkt überschwemmen können. In den ökonomischen Argumenten schwingen Angst und Bewunderung mit.
<>Wie beschreibe ich meine Beobachtungen in HCMCity, ohne mich dem Vorwurf des paternalistischen Schulterklopfens auszusetzen?
Mein Eindruck – immer wieder – an unterschiedlichen Orten, nicht nur an meinem Arbeitsplatz, augenfällig: Die Menschen sind immer in Bewegung; es gibt immer etwas zu tun.
Im deutschen kennen wir den Begriff Fleiß.
Doch an dieser Stelle habe ich ein Problem: Wenn ich jemanden als fleißigen Menschen beschreibe, dann stellt sich gleich die Frage: Wer sind die faulen?
<>In unserem Kulturkreis gilt Fleiß weitgehend als Tugend. Wenn ich also einen anderen Menschen, in einem anderen Umfeld „Fleiß bescheinige“, dann bringe ich mich wertend ein. Das will ich aber nicht.Ich bewerte nicht; ich beschreibe eine Beobachtung, die mir – einem Berliner Müßiggänger – auffällt. Vielleicht gibt es den Begriff Fleiß (oder fleißig) im vietnamesischen Sprachschatz überhaupt nicht?
Meine Wahrnehmung, immer und überall von aktiven Menschen umgeben zu sein, ist frei von dem Eindruck des Gehetztseins. Meine Beobachtungen beziehen sich auf den sichtbaren, öffentlichen Raum und meinen kleinen Arbeitsbereich. Ich hatte leider keine Gelegenheit in Fabrikhallen zu schauen, wo das Akkordlohn-Prinzip nach Taylor die Menschen zu entfremdeter Arbeit zwingt. Die Schuhfabriken in den geschlossenen "Export Processing Zones" (den bei uns so genannten Industrie-Parks) sind nur nach vorheriger Anmeldung zugänglich. Eine Genehmigung wurde mir für den nächsten Besuch zugesagt.<>Bei einem meiner abendlichen Spaziergänge entdecke ich, dass die Herstellung von Schuhen und Sandalen in der Stadt Tradition hat. Sie werden auch heute noch in Heimarbeit hergestellt. Die Tür steht offen, die Produktion ist einsehbar. Ich frage, ob ich ein Foto machen kann. Auch hier ein zustimmendes Nicken und Lächeln.
Technische Hilfsmittel, so scheint es, sind hier wohl immer noch teurer als körperlicher Einsatz. Ich sehe Dinge, die ich fast vergessen habe. Schwerstarbeit bei 35 Grad C.
LINKS in diesem blog:
- Über Schuhe habe ich schon einmal geschrieben.
- In Filterkaffe und Zeitung habe ich das Thema Schuhfabriken aufgegriffen
„Woman workers face lonely lives“.
- Heute habe ich zufällig eine Sendung im Kulturradio des RBB gehört. Der Autor war in Vietnam.
Lifestyle
Warum tragen Vietnamesen keine Adidas-Schuhe?
Von Jens Jarisch
Eines Nachmittags gehe ich mit der 12-jährigen Philine ins Kaufhaus, um Sportschuhe zu kaufen. Philine sucht sich welche von Adidas aus, sie haben den Namen Lifestyle. Beim Anprobieren fragt Philine, wo die Schuhe eigentlich herkommen. Die Schuhe sind aus Vietnam.
Doch was bedeutet das eigentlich: Made in Vietnam?
In der Konzernzentrale von Adidas im fränkischen Herzogenaurach arbeiten Menschen aus 42 Nationen, aber keiner von ihnen kommt aus Vietnam. Ich bin äußerst beeindruckt von den Ausmaßen der weltumspannenden Adidas Corporate World. Niemand hier kann mir jedoch erklären, wie sie funktioniert.
Kornelia.Gerdes@rbb-online.de
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